Die Geschichte der Stiftung St. Petri Waisenhaus von 1692

Die Geschichte des St. Petri Waisenhaus begann am 10. November 1692. Die Gründung erfolgte mit dem Ziel, die Kinder aus lutherisch bedürftigen Familien aufzunehmen. Zur Eröffnung des Waisenhauses war die Zustimmung des schwedischen Königs erforderlich, denn seit dem Westfälischen Frieden wurde das Bistum Bremen durch den König von Schweden regiert.

„Nachdem diese noch im Segen blühende Anstalt, durch welchen der Staat so manchen guten Bürger und Bürgerin bekommen hat, errichtet war, so mehrte sich auch die Zahl der Waisen sehr bald in derselben, welche ihren Unterhalt durch die schon genannten gnädigen Geschenke des Königs, durch milde Beiträge aller Art, durch Vermächtnisse, durch dasjenige, was die Kinder in den Freistunden mit ihrer Hände Arbeit verdienten, und insbesondere durch eine doppelte, jährlich um Laetare und Martini, in der Domkirche zu erhebende Collecte, welche von der königlichen Regierung schon am 9. Februar 1692 war bewilligt worden, fanden.“

(aus der „Geschichte des Doms und Waisenhauses“ von Heinrich Wilhelm Rotermund, 1854)

Hauptgebäude um 1938

Hauptgebäude um 1938

Verwaltungshaus - hintere Parkansicht

Verwaltungshaus – hintere Parkansicht

Eine Einrichtung für Lutheraner

Die Geschichte des St. Petri Waisenhauses beginnt am 10. November 1692. Zu dieser Zeit gab es in Bremen zwei Einrichtungen für verwaiste Kinder: das „Rote“ sowie das „Blaue Waisenhaus“ – beides reformierte Einrichtungen. Die lutherische St.-Petri-Domgemeinde wollte diesen eine eigene Einrichtung gegenüberstellen und gründete 1692 das St. Petri Waisenhaus, auch „Armen Kinder Haus“, genannt. Acht Jungen und fünf Mädchen wurden zunächst in dem vom schwedischen König Karl XI. gestifteten Gebäude am Domshof aufgenommen.

Zur Versorgung der Waisen stellte er zudem die Einkünfte eines Meiergutes in Ellen sowie eine Weidefläche in der Pauliner Marsch zur Verfügung. Schon im Jahr 1700 war die Zahl auf 68 Kinder angewachsen, 1720 waren es 118. Da das Bistum Bremen zu dieser Zeit unter schwedischer Herrschaft stand, trugen die Kinder ausschließlich Kleidung in den schwedischen Nationalfarben Blau und Gelb.

Schulbildung als Grundlage

Schon recht bald platzte das beengte und zeitweise feuchte Gebäude aus allen Nähten, die Gesundheit der Kinder war extrem gefährdet. Zwischen 1730 und 1782 starben im Waisenhaus 226 Kinder. 1785 fand deshalb der Umzug in einen klassizistischen Neubau an der Ecke Domshof / Sandstraße statt. Dort lebten bald bis zu 220 Kinder, ab 1877 ausschließlich Jungen.

Wichtigste Lektüre im 1782 eingeführten Schulunterricht war die Bibel, weitere Lehrfächer waren Rechnen, Naturlehre und Geografie. Im Lauf des 19. Jahrhunderts kamen Turnen, Zeichnen und das Verfassen von Briefen hinzu. Auf eine gute Schulbildung wurde viel Wert gelegt: Die Ausbildung sollte dazu beitragen, die Kinder später in geeignete Lehrstellen zu vermitteln.

Lehrlingstagesraum

Lehrlingstagesraum

Tagesraum der Schulpflichtigen

Tagesraum der Schulpflichtigen

Ende der Konfessionalisierung

Die Waisen waren nach Auffassung der Diakonie zur Arbeit verpflichtet, sie sollten eigenständig zu ihrem Lebensunterhalt beitragen. Das Waisenhaus nahm daher das Stricken von Strümpfen als gewerbliche Auftragsarbeit an. Bei zu langsamer Arbeit drohten Strafen wie Schläge mit der Rute, Essens- sowie Schlafentzug. Später wurde unsaubere Arbeit damit geahndet, dass der Besuch von Angehörigen gestrichen wurde oder die Spielzeit ausfiel. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die Konfessionalisierung der Waisenhäuser aufgehoben, man nahm vorübergehend auch reformierte Kinder auf.

1877 erfolgte erneut eine Separierung, dieses Mal nach Geschlechtern: Die Jungen blieben am Domshof, die Mädchen zogen ins reformierte Waisenhaus Am Brill. Anfang des 20. Jahrhunderts entsprach auch das Gebäude am Domshof nicht mehr den verbesserten Ansprüchen. Die Einrichtung siedelte 1901 in einen Flügelbau an der Hamburger Straße (heute Gebäude Stader Straße 35) um, 1922 erfolgte ein erneuter Umzug nach Osterholz.

Aufarbeitung der Vergangenheit

Die Jahre 1933-1945 waren geprägt von nationalsozialistischer Erziehung. Es gibt zahlreiche Berichte darüber, wie die Auslese von so genannten „erbgesunden und rassisch einwandfreien Jungen“ und so genannten „minderwertigen und nichtarischen“ Kindern stattgefunden hat. Mit der Zuweisung „sozial und sittlich gefährdeter Kinder“ durch das Jugendamt stieg die Bewohnerzahl, insgesamt waren zwischen 1933 und 1945 rund 800 Kinder untergebracht.

107 von ihnen wurden in andere Anstalten wie Nervenkliniken verlegt, was oftmals Lebensgefahr bedeutete. Die Träger der Diakonischen Jugendhilfe Bremen und das Diakonische Werk Bremen haben 2016 in mehreren Studien eine ausführliche Aufarbeitung der Zeit im Waisenhaus während der NS-Diktatur vorgenommen.

Ein Angestelltenzimmer

Ein Angestelltenzimmer

Ein Knabenschlafsaal

Ein Knabenschlafsaal

Die Jahre nach dem 2. Weltkrieg

Ab 1950 etwa war die Zahl der im Waisenhaus betreuten Kinder rückläufig, die Belegung erfolgte zum Teil durch das Jugendamt. Aufgrund der starken Unterbelegung kamen in jenen Jahren erstmals Kinder aus schweren familiären Verhältnissen, die keine Waisen waren, ins Haus. Aus diesem Grund erfolgte 1957 eine Umbenennung zum St. Petri-Kinderheim – Stiftung St. Petri Waisenhaus von 1692, Bremen-Osterholz.

Wirtschaftliche Probleme machten der Heimleitung während dieser Zeit zu schaffen: Die Pflegebeiträge deckten die Unterhaltungskosten nicht ab. Handwerker aus der Domgemeinde arbeiteten teilweise unbezahlt. Mitte der 1950er-Jahre wurde gar über eine Schließung nachgedacht. Die Lösung waren Spendenaufrufe, mit denen sich die Diakonie direkt an Bremer Unternehmer sowie Privatpersonen wandte. Auch die so genannte Kälberverlosung, eine jährliche Lotterie, sollte Geld in die leeren Kassen spülen. Die Bezeichnung stammt aus der Vergangenheit, als es tatsächlich Kalbfleisch zu gewinnen gab.

Das Kinderheim wandelt sich

In den 1970er- und 1980er-Jahren durchlebte das St. Petri Waisenhaus einen tiefgreifenden Wandel. Nicht mehr „nur“ Waisenhaus, sondern ein Heim für Kinder und Jugendliche sollte es sein, in dem diese ihren Alltag mitbestimmten und teilweise auch komplett selbst bestimmten. Fachpädagogen zogen in das neue Kinderheim an der Sudwalder Straße in Bremen-Osterholz und arbeiteten fortan eng zusammen. Eine weitere Ausweitung erfuhr die sozialpädagogische Arbeit in den 80er-Jahren durch den Aufbau des Tagesgruppenbereichs. Dadurch war den Kindern und Jugendlichen eine andere, neue Art von Schutz- und Lebensraum geboten, um wieder zu sich selbst zu finden.

Kochküche

Kochküche

Waschküche

Waschküche

Breit aufgestellt in die Zukunft

In den mehr als 300 Jahren ihres Bestehens hat sich die Stiftung stetig weiterentwickelt. Aus der Kinder- und Jugendhilfe in Bremen ist Petri & Eichen heute mit ihrem breit gefächerten Angebot nicht mehr wegzudenken. Bis 2011 war sie direkt operativ in den Bereichen (teil-)stationärer und ambulanter Jugendhilfe sowie in der offenen Jugendarbeit und der Kindertagesbetreuung tätig. Hauptsitz ist heute das Gebäude an der Sudwalder Straße in Osterholz. 2012 wurde die Stiftung in eine Förderstiftung umgewandelt.

Sie unterstützt – auch mit Hilfe der zahlreichen Spenden – bis dato die Angebote der diakonischen Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen, nicht nur in Bremen-Osterholz, sondern in zahlreichen Bremer Stadtteilen sowie im Landkreis Osterholz und in Brinkum. Zu den geförderten Hilfen zählen Wohngruppen, heilpädagogische Tagesgruppen, Freizeitangebote, Erziehungsstellen, Familienhilfen, Elterntrainings, Jugendhäuser, Krippen und Kindergärten sowie ein Kreativ- und Therapiezentrum u.v.m.